Pensionskassen: Nonchalance im Angesicht des Niedrigzinses

BaFin bringt Bewusstsein

von Pascal Bazzazi, Berlin, 22. Mai 2014

 

Gestern hat LEITERbAV über die Ergebnisse des jüngsten BaFin-Stresstests berichtet. In ihrem zeitgleich vorgelegten Jahresbericht nimmt die Anstalt zum Stichtag 31. Dezember 2013 zu weiteren Kernfragen für die 146 unter Bundesaufsicht stehenden Pensionskassen Stellung. Das betrifft vor allem das schwierige Zinsumfeld. Manche ihrer Schäfchen legten dabei 2013 eine für die Anstalt offenbar nicht immer ganz nachzuvollziehende Gelassenheit an den Tag.

 

Geschäftsentwicklung und Kapitalanlagen, Prognoserechnungen und Solvabilität, Duration und Niedrigzins: Abseits des Stresstests fasst die Anstalt in ihrem Jahresbericht weitere Themen an, die  auf nationaler Ebene für Pensionskassen von Bedeutung sind. Im Einzelnen:

 

 

Geschäftsentwicklung mit nachlassender Dynamik

 

Prognosen zufolge stieg die Höhe der Beitragseinnahmen aller Pensionskassen laut BaFin im Jahr 2013 weniger stark an als im Vorjahr:

 

„Die Beitragseinnahmen beliefen sich im Berichtsjahr auf circa 6,4 Milliarden Euro und sind damit im Vergleich zum Vorjahr um circa 2,6 Prozent angestiegen.“

 

Im Jahr 2012 hatte der Anstieg noch bei knackigen 5,9 Prozent gelegen. Bei den seit 2002 neu gegründeten Wettbewerbspensionskassen stiegen die Beitragseinnahmen wie auch im Vorjahr nur leicht an und lagen bei circa 2,7 Milliarden Euro. Bei den vorwiegend von den Arbeitgebern finanzierten Pensionskassen hängt die Entwicklung der Beitragseinnahmen vom Personalbestand des jeweiligen Trägerunternehmens ab, wie die BaFin erläutert. Auch die Beitragseinnahmen dieser Pensionskassen stiegen weiter. Sie lagen bei circa 3,7 Milliarden Euro (Vorjahr: 3,6 Milliarden Euro).

 

 

Kapitalanlagen von jetzt über 130 Milliarden Euro – Stille Reserven auf hohem Niveau rückläufig

 

Der Kapitalanlagebestand der 146 von der BaFin beaufsichtigten Pensionskassen erhöhte sich 2013 um circa 6,3 Prozent auf rund 131,1 Milliarden Euro (Vorjahr: 123,3 Milliarden Euro).

 

„Die Positionen Investmentanteile, Inhaberschuldverschreibungen und andere festverzinsliche Wertpapiere und Namensschuldverschreibungen, Schuldscheinforderungen und Darlehen stellen weiterhin die dominierenden Kapitalanlagearten dar“, schreibt die Anstalt. Außerdem wartet man mit Daten zum derzeitigen Fokus der fachpolitischen Diskussion auf:

 

„Aufgrund des niedrigen Zinsniveaus weist die Branche weiterhin hohe Bewertungsreserven insbesondere in Zinstiteln auf. In allen Kapitalanlagen hatten die Pensionskassen zum Jahresende nach den vorläufigen Angaben stille Reserven in Höhe von circa 12,5 Milliarden Euro (Vorjahr: 16,7 Milliarden Euro). Dies entspricht circa 9,5 Prozent der gesamten Kapitalanlagen, nach 13,5 Prozent im Vorjahr.“

 

 

On top zum Stresstest: Prognoserechnungen im schwierigen Zinsumfeld

 

Die BaFin hat zum Stichtag 30. September 2013 auch bei den Pensionskassen eine Prognoserechnung durchgeführt, in der die Unternehmen ihr Geschäftsjahresergebnis unter vier Aktien- bzw. Zinsszenarien abschätzen sollten. Außerdem wurde die Prognoserechnung vor dem Hintergrund der anhaltenden Niedrigzinsphase um vier Jahre erweitert.

 

„Die Prognosen zeigten, dass der Bedeckungssatz der Solvabilitätsspanne ungefähr dem des Vorjahres entspricht. Die Unternehmen erfüllen die Solvabilitätsvorschriften in aller Regel. Die kurzfristige Risikotragfähigkeit der Branche erscheint damit weiterhin gewährleistet,“ gibt sich die BaFin zufrieden.

 

Den Prognosen zufolge liegt die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen aller Pensionskassen in 2013 mit circa 4,3 Prozent leicht unter dem Wert des Vorjahres (4,4 Prozent). Wie dem auch sei:

 

„Die anhaltenden niedrigen Zinsen stellen die Branche vor besondere Herausforderungen,“ betont die Anstalt. Und weiter:

 

„Die Prognosen verdeutlichen, dass die Differenz zwischen der laufenden Verzinsung der Kapitalanlagen und dem durchschnittlichen Rechnungszins der Deckungsrückstellung sinkt. Sollte es bei einzelnen Pensionskassen erforderlich sein, die biometrischen Rechnungsgrundlagen zu verstärken oder den Rechnungszins abzusenken, könnte es für die Pensionskassen darum schwieriger werden, dann erforderliche Nachreservierungen zu finanzieren.“

 

 

Solvabilität 134 Prozent. Und drei Durchfaller

 

Die Bedeckungsquote des Solvabilitäts-Solls der Pensionskassen betrug laut Prognoserechnung zum Bilanzstichtag 2013 durchschnittlich 134 Prozent und entsprach damit dem Wert des Vorjahres.

 

„Den Schätzungen zufolge konnten drei Pensionskassen die Solvabilitätsspanne zum 31. Dezember 2013 nicht vollständig bedecken“, so die Anstalt.

 

Diese Kassen prognostizierten die Unterdeckung der Solvabilitätspanne in sehr unterschiedlicher Höhe. Einem dieser Unternehmen hatte die BaFin bereits 2004 das Neugeschäft untersagt, weil es keinen plausiblen Plan zur Wiederherstellung gesunder Finanzverhältnisse vorlegen konnte. Die beiden anderen Pensionskassen legten bereits vor einigen Jahren Planungsrechnungen vor; die BaFin prüft laufend, ob diese eingehalten werden.

 

 

Die lange Duration: Auswirkungen des Niedrigzinsumfelds

 

Das niedrige Zinsniveau belastet die Pensionskassen sehr“, schreiben die Bonner nicht ohne Sorge, und „verharren die Zinsen weiter auf dem heutigen Niveau, leiden Pensionskassen aufgrund ihres längerfristigen Geschäfts noch stärker darunter als Lebensversicherer.“

 

Außerdem, betont die BaFin, haben Pensionskassen anders als Lebensversicherer fast ausschließlich Verträge im Bestand, die die Zahlung lebenslanger Renten an die Versicherten vorsehen. Die Bonner fürsorglich:

 

„Die BaFin beaufsichtigt und begleitet die Pensionskassen entsprechend intensiv, damit diese ihre Risikotragfähigkeit auch in einem lang andauernden Niedrigzinsumfeld erhalten und weiter stärken, und wird dies 2014 fortführen.“

 

Pensionskassen sollten möglichst frühzeitig Maßnahmen zur Stärkung ihrer Risikotragfähigkeit ergreifen, denn dies verdeutlichen – so die BaFin – auch die Ergebnisse der Prognoserechnung. Interessant ist jedenfalls der offenbar etwas nonchalante Umgang so mancher Pensionskasse mit der Problematik, die die Anstalt mit der amtlich gebotenen Zurückhaltung beschreibt:

 

„Bei einigen Pensionskassen musste die BaFin im Berichtsjahr noch das Bewusstsein dafür herstellen, dass in Zeiten, in denen die Kapitalerträge voraussichtlich weiter sinken, die Stärkung der Sicherheitsmargen Vorrang vor einer Überschussbeteiligung hat.“

 

Welche Maßnahmen die BaFin normalerweise ergreift, um bei Pensionskassen „Bewusstsein herzustellen“, darüber schweigt sich die Anstalt allerdings vornehm aus.

 

Der Jahresbericht 2013 der BaFin findet sich hier.

 

 

Mehr zu der Entwicklung findet sich auf LEITERbAV (zwischenzeitlich) hier:

 

 

BaFin Jahresbericht 2015 (I):

Nachlassende Dynamik bei Pensionskassen

29. Juni 2016

 

 

BaFin-Stresstest 2015 (II):

Also aktuell keine akute Gefährdungslage?

12. Mai 2016

 

 

BaFin-Stresstest 2015 (I):

Sieben PK-Durchfaller

11. Mai 2016

 

 

Felix Hufeld vor der Presse:

Von Manndeckung, Umsetzungsdruck und Radikal-MiFIDisierung…

21. Mai 2015

 

 

BaFin-Stresstest:

Neun PK-Durchfaller

13. Mai 2015

 

 

BaFin-Stresstest:

Elf PK-Durchfaller (II)

4. August 2014

 

 

Regulierte Pensionskassen – was nicht im BaFin-Jahresbericht steht:

Wenig Transparenz, aber Zusatzreserven für den Zins

17. Juni 2014

 

 

Wettbewerbs-Pensionskassen – was nicht im BaFin-Jahresbericht steht:

Licht und Schatten und Zinszusatzreserve

2. Juni 2014

 

 

Die BaFin zu Pensionsfonds:

Beyond Stresstest

27. Mai 2014

 

 

Pensionskassen: Nonchalance im Angesicht des Niedrigzinses

BaFin bringt Bewusstsein

22. Mai 2014

 

 

BaFin-Stresstest:

Elf PK-Durchfaller

21. Mai 2014

 

 

BaFin-Stresstest: Korrektur:

Acht PK-Durchfaller

29. Mai 2013

 

 

BaFin-Stresstest: Korrektur:

Acht PK-Durchfaller

29. Mai 2013

 

 


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